Am 6. April nimmt der neue Flughafen in Istanbul seinen Regelbetrieb auf.
Mit Grafiken, Videos, Reportagen und Interviews beleuchtet taz gazete die Folgen des Megaprojekts für Menschen, Umwelt und Wirtschaft.

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Wir danken unseren Kolleg*innen in der Türkei, unseren Leser*innen und Spender*innen

Wir sagen Tschüss

taz.gazete geht zu Ende. Doch die Kämpfe für die Demokratie und Pressefreiheit gehen weiter.

TAZ.GAZETE, 2020-07-31

Liebe Leser*innen,

am Anfang stand viel Idealismus. Als taz.gazete am 19. Januar 2017, dem zehnten Todestag des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, online ging, erlebte die Türkei eine umwälzende Zeit. „Die aktuellen Entwicklungen sind schnelllebig, besorgniserregend, folgenreich, widersprüchlich, verwirrend, dramatisch, aufwühlend, traurig, ärgerlich, unübersichtlich … Vor allem aber sind sie eins: wichtig“, schrieben wir im Editorial. Ein halbes Jahr zuvor war nach dem Putschversuch der Ausnahmezustand verhängt worden. Per Dekret wurden Pressefreiheit und Grundrechte in schwindelerregendem Tempo eingeschränkt. Die taz wollte nicht nur zuschauen, sondern Solidarität mit den Kolleg*innen zeigen, die in der Türkei viel riskierten, um weiterzuberichten. Wir wollten kritische Stimmen stärken, die immer mehr unter Druck gesetzt wurden. Seitdem haben wir auf gazete.taz.de rund 700 Hintergrundberichte, Reportagen und Interviews veröffentlicht – auf Türkisch und auf Deutsch. Mehr als 50 Autor*innen aus der Türkei haben für taz.gazete geschrieben. Sie haben zu einer vielfältigeren Türkeiberichterstattung in Deutschland beigetragen. Heute geht das Projekt zu Ende.

Doch die tief greifenden Veränderungen in der türkischen Gesellschaft gehen weiter. Heute findet zum ersten Mal nach 86 Jahren in der Hagia Sophia das Freitagsgebet statt. Mit dem neuen Internetgesetz sollen die sozialen Medien, in denen noch Opposition geäußert werden konnte, unter Kontrolle gestellt werden. Während in der Gesellschaft der Rassismus gegen Syrer*innen zunimmt, ertrinken weiterhin Geflüchtete an den Landesgrenzen. Die 27-jährige Studentin Pınar Gültekin wurde von ihrem Ex-Freund brutal ermordet. Währenddessen wird diskutiert, die in der Istanbul-Konvention formulierten Frauenrechte rückgängig zu machen. Erdoğan wiederum, der fürchtet, die Wahlen 2023 zu verlieren, redet lieber über eine erneute Änderung des erst vor zwei Jahren eingeführten Wahlsystems, als über Frauenmorde zu sprechen.

Blickt man nur auf die Ereignisse der vergangenen Wochen, wäre es naiv zu glauben, dass ein in Deutschland gegründetes Projekt die Demokratie in der Türkei stärken könnte. Trotzdem war taz.gazete ein wichtiges Projekt: eine Anlaufstelle für arbeitslose Journalist*innen aus der Türkei und ein Bezugspunkt für viele, die zuletzt nach Deutschland migriert sind. Es versuchte, die Pressefreiheit zu unterstützen, die jeder Demokratie zugrunde liegt, während in der Türkei alles, was mit Demokratie zu tun hatte, systematisch zerstört wurde. Auch wenn taz.gazete jetzt endet, die Kämpfe gehen weiter.

Wir danken unseren Kolleg*innen in der Türkei, unseren Leser*innen und Spender*innen, Konny Gellenbeck, der taz und der taz Panter Stiftung für ihre Unterstützung, der ersten Projektleiterin Fatma Aydemir, dem Ideengeber Martin Kaul, Ebru Taşdemir und dem gesamten Team sowie unseren Übersetzer*innen. Hoşça kalın!

taz.gazete

Elf Schritte Abschied

Als ich vor zwei Jahren die Anfrage erhielt, ob ich eine Kolumne für die taz.gazete schreiben wolle, habe ich mich sehr gefreut. Entsprechend traurig machte mich die Bitte, eine Abschiedskolumne aus der Gefängnishaft zu verfassen, weil das türkischsprachige Angebot der taz eingestellt wird. Was Abschied, was ein letzter Artikel, für einen gefangenen Journalisten bedeutet, ist schwer in Worte zu fassen. Jetzt gerade, während ich mich zum täglichen Ausgang in einem Hof befinde, in dem ich genau elf Schritte hin und elf Schritte her tun kann, über Abschied nachzudenken, tut ziemlich weh. Es geht dabei weniger um Abschiedsschmerz oder die Leere, in die ein Mensch stürzt, der seine Arbeit verliert. Es geht darum, ein Beatmungsgerät zu verlieren in einem Land, in dem nicht etwa das Virus, sondern der Journalismus behandelt wird wie ein Krankheitserreger.

Als die taz.gazete mir in solidarischer Absicht anbot, regelmäßig für sie zu schreiben, im Mai 2018, da hatte ich gerade 750 Tage in Haft hinter mir. Ich schrieb mit Kugelschreiber, und um ein erstes Feedback zu bekommen, warf ich die Blätter über Mauern und Stacheldraht in Nachbarzellen, damit die dortigen Insassen sie lesen und kommentieren konnten. Mit der Zeit bekam ich Briefe aus verschiedenen Ländern Europas, die mich ermutigten. Meine Angehörigen, meine Anwält*innen, ehemalige Haftgenoss*innen, die freigekommen waren, und anonyme Brieftauben halfen mir dabei, die Artikel nach Deutschland zu bringen und immer musste ich bei der Themen- und Wortwahl strengstens darauf achten, nichts zu schreiben, was die Anstaltsleitung für „bedenklich“ befinden und stoppen würde. Für mich bedeutet Journalismus in erster Linie, Stimme und Atem derjenigen zu sein, die sprichwörtlich kein Kissen haben, auf das sie ihren Kopf legen können. Taz.gazete war mir ein Kissen und ein donnerndes Sprachrohr. Sie half mir, die Hoffnung lebendig zu halten, dass ein politisch kontrolliertes Justizsystem nicht über unser Schicksal bestimmen kann. Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter. Hoffnung ist im Knast wichtiger als Brot und Wasser.

Ich möchte mich bei der taz-Familie und unseren Leser*innen bedanken für die wichtigste Unterstützung, die ich erfahren habe und hätte erfahren können. Ich wünsche Ihnen und euch alles Liebe und alles Gute. An euch geht weniger mein höfliches Dankeschön, als meine dankbare Anerkennung, dass ihr da wart. Ihr werdet mir fehlen. Ich verbleibe in Hoffnung und Widerstand.

Nedim Türfent

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

Die Schwierigkeit und Schönheit der Übersetzung

taz.gazete war ein Projekt über Sprach- und Ländergrenzen hinweg. In zwei Sprachen aus zwei Ländern zu arbeiten war herausfordernd und schön. Vor allem aber war es viel Arbeit. Es bedeutete, dass eine Idee in verschiedenen Aggregatszuständen von Berlin nach Istanbul, Ankara oder Diyarbakır reiste und zurück. Dann begann das Ringen um die Wörter und die Halbsätze. Denn die Übersetzung erschöpft sich nicht im Blick ins Wörterbuch. Am Ende klafft immer eine Lücke. Und darin liegt die Schönheit. Es gibt semantische Verschiebungen und erklärungsbedürftige Begriffe, die im Deutschen leere Signifikanten sind, die ohne Kontextwissen nichts bezeichnen.

Als Nicht-Muttersprachlerin, die erst mit Anfang 20 Türkisch gelernt hat, hat mich diese Lücke immer fasziniert, denn in ihr tat sich eine neue Welt der Bedeutungen auf. Manches kann man in einer Sprache mit nur einem Wort ausdrücken, in der anderen gibt es kein Wort dafür, zum Beispiel Fernweh oder kolay gelsin (am ehesten: Frohes Schaffen). Bei anderen Wörtern geht die Bedeutungstiefe in der Übersetzung verloren oder der Klang. Im Türkischen muss niemand erklären, was der 12. September bedeutet. Das türkische Wort mücadele ist politisch links konnotiert und taucht in jedem Text über die politischen Kämpfe von Frauen, Gewerkschaften und LGBTI auf. Das deutsche Äquivalent Kampf verwenden wir ungern im Singular.

Das mag trivial klingen, ist es aber nicht. Das Nachdenken über die Bedeutung von Wörtern in zwei Sprachen weitet den Blickwinkel. Das richtige Wort zu finden ist politisch. Wer übersetzt, weiß, dass es immer mindestens zwei Perspektiven gibt. Und hinterfragt, was schnell über die Lippen kommt. Das Redigat warf unzählige Fragen auf. Was verstehen die Leser*innen, was nicht? Was weiß die gazete-Redaktion in Berlin über die Atmosphäre in der Türkei? Welche Rolle nehmen wir als Redakteur*innen ein? Die Auseinandersetzung mit den Texten zeigte, dass es nicht nur eine gültige Form von Journalismus gibt und dass Berichterstattung wesentlich von Arbeitsbedingungen geprägt wird. Und die waren in der Türkei fundamental andere als in unserem bequemen Büro in Berlin.

taz.gazete wollte solidarisch mit den Kol­leg*in­nen in der Türkei sein, kritischen Stimmen Raum geben und neue Perspektiven auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse zwischen Deutschland und der Türkei eröffnen. Ich glaube, in den besten Momenten ist uns das gelungen, in anderen sind wir daran gescheitert. gazete war ein Experiment, bei dem ich viel gelernt habe – gerade auch im Scheitern. Das lag an einem diskussionsfreudigen und stets solidarischen Team und an Kolleg*innen in der Türkei, vor deren Arbeit ich großen Respekt habe. Was von gazete bleibt, ist, dass wir für eine Zeitlang einen kleinen Unterschied gemacht haben. Zumindest hoffe ich das.

Elisabeth Kimmerle

Die Zukunft des Journalismus ist transnational

Vor ein paar Wochen haben in Wien türkeistämmige Rechtsextreme ein linkes Kulturzentrum angegriffen. Zum Glück waren die Türen des Ernst-Kirchweger-Hauses gut verriegelt. Schlimmeres konnte verhindert werden. Zuvor hatten jene Rechtsextremen eine Demonstration von kurdischstämmigen und anderen Linken angegriffen.

In den Tagen danach waren österreichische Zeitungen voll mit Texten über einen „Türken-Kurden-Konflikt“. Nicht nur der Boule­vard blieb der Idee verhaftet, dass dieser Gewaltausbruch im migrantischen Bezirk Favoriten seine Ursprünge allein in der Türkei, nicht aber in Österreich habe. Wien-Favoriten wurde zum Symbol eines importierten Konflikts. Was für ein Denkfehler.

Nachdem die Leitartikel und Reportagen gedruckt waren, meldete sich der Wiener Politologe Ilker Ataç mit einer Analyse zu Wort. Sein Argument: Weil wir Politik in einer vernetzten, mobilen, transnationalen Welt immer noch national denken, schaffen wir es nicht, zu verstehen, was wirklich passiert ist. Nicht nur waren an den Auseinandersetzungen ohnehin in Österreich geborene Menschen beteiligt. Der „Türken-Kurden-Konflikt“ hat seine Wurzeln auch in einer jahrzehntelangen autoritären Haltung eines türkischen Staates, der Teil einer politisch-ökonomischen Weltgemeinschaft ist; und der auch deshalb in Wien ausbricht, weil europäische Staaten diese Haltung seit jeher tolerieren, um eigene Interessen zu sichern. Auch Österreich. Auch Deutschland.

Was hat das alles mit taz.gazete zu tun? Sehr viel. taz.gazete hat genau das gemacht, was Ataç vermisst: Politik nie als rein „türkische“ oder „deutsche“ Politik begriffen, sondern in transnationalen Zusammenhängen gedacht, diskutiert, berichtet: das europäisch-türkische Flüchtlingsabkommen und das damit gefestigte Grenzregime; der neue Istanbuler Flughafen, auf dem auch deutsche Unternehmen mit großen Profiten mitmischen; Parlamentswahlen in beiden Staaten, vor denen mit diplomatischen Eskalationen mobilisiert wurde; ein Putschversuch in der Türkei und der darauffolgende Exodus nach Deutschland; oder der Rassismus, der immer noch die Lebensrealität derer prägt, deren Eltern einst als Gast­arbei­ter:innen nach Deutschland kamen.

Gewissermaßen hat taz.gazete damit einen Vorgeschmack auf den Journalismus der Zukunft gegeben, von dem immer alle reden. Denn dieser wird nicht nur digital, sondern auch transnational, vielleicht postnational. Nicht weil sich das cool anhört. Sondern weil das Nationale an Bedeutung verliert. So hat sich taz.gazete eingereiht in die Geschichte reger migrantischer Publikation in Deutschland. Und wie viele andere vor ihr findet nun auch taz.gazete ein Ende. Möglicherweise waren wir der Zeit einfach ein bisschen voraus. Möglicherweise werden wir noch ein paar weitere Jahre von importierten Konflikten lesen.

Volkan Ağar

Ein kurzer Atemzug

„In Berlin hat niemand einen richtigen Job.“ Ich war verblüfft, als ich diesen Satz von einer Person aus Istanbul hörte. So sieht das also von außen aus. Dabei ist es für Menschen mit türkischem Pass ziemlich unmöglich, in Deutschland auch nur zu atmen, ohne „richtig“ zu arbeiten. Wer nicht per Familienzusammenführung gekommen ist, hängt mit seiner gesamten Existenz an der Erwerbstätigkeit. Migrant*innen sind so viel wert, wie sie dem Staat an Einnahmen bringen. Wer Steuern zahlt, lieb und brav ist, weder straffällig wird noch mit dem rassistischen Chef streitet und seinen Job verliert, bekommt die Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängert. Bei der Verlängerung muss man mit einer Reihe von Fragen rechnen. Eine Gehaltsabrechnung ist vorzulegen, aber ist das nicht etwas wenig, Frau Tetik? Also, ich hab noch nie einen Journalisten gesehen, der so wenig verdient wie Sie, haha.

Ein Arbeitsvertrag ist für eine Migrantin in Deutschland zugleich ein Nachweis über Abschiebehindernisse. Im Zweifelsfall ist er das einzige Dokument, das verhindern kann, dass dich jemand aus dem Leben herausreißt, das du dir aufzubauen versuchst. Mobbing am Arbeitsplatz? Lieber nicht wehren, es gibt viele andere Mi­gran­t*in­nen, die gerne deine Stelle hätten. Rassismus erlebt? Lächeln und durch. Du bist in einer überwiegend männlichen Abteilung und wirst andauernd belästigt? In der Personalabteilung wird man dein Deutsch nicht verstehen oder zumindest so tun, als ob, also beschwer dich lieber erst gar nicht. Sei frustriert, aber mach dir nichts draus. Egal. Hauptsache, du hast deinen Vertrag.

Migrant*innen machen nicht die Arbeit, die sie mögen, sondern den Job, den sie kriegen. Für Menschen, deren Muttersprache Türkisch und deren Beruf das Schreiben ist, sind selbst in einer Stadt wie Berlin die Arbeitsmöglichkeiten sehr beschränkt. Für Journalist*innen, Wis­sen­schaft­le­r*in­nen und Au­to­r*in­nen, die aus der Türkei fliehen mussten, ist es kaum möglich, hier ihren Lebensunterhalt mit Texten auf Türkisch zu verdienen.

Deshalb war es eine Überraschung und ein Privileg, dass sich mein Weg mit dem der taz.gazete kreuzte. gazete war ein Projekt, das in einem Land mit so vielen Migrant*innen wahrscheinlich längst überfällig war. Für ein von Anfang an befristetes Projekt lief es sogar ziemlich lange. Aber wenn man sich den bestehenden Bedarf anschaut, war es nicht mehr als ein kurzer Atemzug. Einen Atemzug lang hat taz.gazete für viele Menschen, die von Deutschland oder von der Türkei aus weiter sprechen, weiter schreiben, weiter erklären wollten, einen Raum eröffnet. Es gab Platz für Frauen und LGBTI+, die als eigenständige Subjekte für sich selbst sprechen konnten. Hier war ich Teil einer Arbeit, die ich mochte, nicht nur einer, die ich kriegen konnte. Dieses Privileg konnte mir Deutschland nicht nehmen. Es gibt nämlich Dinge, die sind größer und wichtiger als ein Vertrag.

Burçin Tetik

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

Wer schreibt worüber?

Die Situation der Pressefreiheit in der Türkei war seit jeher schwierig. Nach dem Putschversuch 2016 spitzte sich die Lage für regierungskritische Jour­na­list*in­nen erneut zu. Viele migrierten nach Deutschland, und zum Jahreswechsel 2017 entstanden mehrere deutsch-türkische Nachrichtenportale. Als Journalistin verfolgte die Autorin dieses Textes wie andere Medienschaffende mit familiären Wurzeln in der Türkei besonders seit den Gezi-Protesten 2013 die politischen Ereignisse in dem Urlaubsland an der EU-Grenze. So brauchte es keine große Überzeugungsarbeit, als die Ideenmutter des Projektes, Fatma Aydemir, mich anfragte, an diesem bilingualen Experiment mitzuarbeiten.

Die zwei Jahre bei gazete waren eine aufregende Zeit. Noch nie war redaktionelle Arbeit so empowernd, aber auch so herausfordernd. Von der anfangs mehrheitlich weiblichen Zusammensetzung des Teams über die alternative Themenwahl zur immerwährenden redaktionellen Aufgabe der kulturellen Übersetzung – in jeglicher Hinsicht war gazete das Gegenteil von allem, was Re­dak­teur*in­nen aus weißen deutschen Mehrheitsredaktionen kennen. Sich im Team über die Tweets von wütenden AKP-Politikern zu amüsieren, ohne umständlich übersetzen zu müssen, war befreiend. Umso beklemmender, wenn wir intern und extern die selten subtile Erwartungshaltung an eine „Türkenredaktion“ diskutieren und folkloristische Klischeethemen abmoderieren mussten.

Eine der interessantesten Erfahrungen war aber, dass Machtstrukturen und Privilegien immer gleich funktionieren. Während in Berlin die gazete-Redaktion Metadiskussionen über strukturellen Rassismus führte und sich über die Feinheiten von Übersetzung und Redigat kloppte, berichteten Kolleg*innen von Istanbul bis Kurdistan unter Lebensgefahr, zumindest aber unter drohendem Freiheitsentzug über Repressionen und Menschenrechtsverletzungen.

Die Erfahrung, plötzlich privilegiert und deutsch gelesen zu werden, ausgedrückt im vermeintlichen Kompliment „Du sprichst aber gut x“ sowie dem Vater aller rassistischen Fragen, „Wo kommst du her“, nun auch vonseiten der weißen türkischen Mehrheitsgesellschaft (das hartnäckige Klischee der ungebildeten anatolischen Bauern und ihrer Nachkommen hält sich nicht nur in Deutschland), kann irritieren. Es schärft aber auch den Blick für andere Debatten.

Die Diskussion darüber, wer wie warum worüber schreibt, ist ein dauerhaftes Reizthema. Projekte wie gazete zeigen, dass der Anspruch vermeintlicher journalistischer Objektivität frei von Erfahrungen und politischer Haltung ein Ammenmärchen ist, das vor allem die besonders Privilegierten unter uns sich erzählen. Kein*e Jour­na­list*in ist im luftleeren Raum geboren. Wer atmet und denkt, hat eine Haltung. Im Idealfall weiß mensch, welche. Journalismus braucht Haltung. Solidarität ist eine Haltung. gazete ist Solidarität.

Canset İçpınar

Die Zeit ist um

Im Sommer 2016 lernte ich in einer Bar in Beşiktaş Deniz Yücel kennen. Ich erzählte ihm von meinen Plänen, zwei Monate als Gastjournalist bei der taz zu arbeiten, und er riet mir, mich weder still in eine Ecke zu setzen noch mit der Tür ins Haus zu fallen. Aus den zwei Monaten sind vier Jahre geworden und ich hab es nicht geschafft, mich an diese Empfehlungen zu halten.

Am 4. Oktober 2016 war mein erster Arbeitstag bei der taz. Zur Begrüßung sollte ich direkt einen Kommentar zu zehn Jahren Wikileaks schreiben. So richtige Ahnung hatte ich weder vom Thema noch vom Format, und entsprechend kritzelte ich mir etwas zusammen. Am ersten Arbeitstag. Was für ein Privileg. In jedem Fall war schon mal klar, dass ich nicht still in einer Ecke sitzen würde. Ich konnte es kaum glauben, als ich am nächsten Morgen meinen Namen auf der Titelseite erblickte.

In der Türkei hingegen wurde die Lage sehr schnell sehr beschissen. Das ging mit einem riesigen Interesse an Nachrichten aus dem Land einher. Ganz Deutschland schien seine Augen auf die Türkei gerichtet zu haben. Was hatte Erdoğan vor? Wohin entwickelte sich das Land? Im November wurden meine Kolleg*innen von der Tageszeitung Cumhuriyet, bei der ich in Istanbul gearbeitet hatte, festgenommen. Daraufhin initiierte die taz Panter Stiftung ein Projekt zur Unterstützung der Pressefreiheit in der Türkei. So kam es zur Gründung von taz.gazete.

Während die Türkei sprichwörtlich täglich von neuen politischen Ereignissen erschüttert wurde, fand ich mich in Berlin in der Position des „Türkei­experten“ wieder. Ich schrieb Artikel und Kommentare und saß auf Panels, um die Lage in der Türkei für ein deutschsprachiges Publikum zu bewerten. Dabei lernte ich mein journalistisches Handwerkszeug noch einmal von Neuem. Da mir die Sprache und die gesellschaftlichen Dynamiken Deutschlands sowie der Redaktionsalltag und der journalistische Stil deutscher Medien fremd waren, war der Glaube daran, dass wir hier etwas Gutes und Richtiges machten, umso wichtiger, um die unvermeidlichen Mängel auszugleichen. Ich war schließlich nicht alleine: Wir waren ein gutes Team bei gazete und wir machten unsere Arbeit gerne. Fast täglich fragte die Printredaktion bei uns einen Artikel an. Bis ins erste Halbjahr 2018 schlitterten wir so mit viel Elan und Freude.

Der Juni 2018 war für uns ein Wendepunkt. Das war kurz vor den Präsidentschaftswahlen, die nicht nur für die Demokratie in der Türkei, sondern auch für das öffentliche deutsche Interesse der Sarg­nagel werden sollten. Wir bemühten uns, mit allen Kandidatinnen und Kandidaten Interviews zu machen, und das führte zu einem Konflikt mit dem erfahrenen Türkeikorrespondenten der taz. Die Folgen waren für uns verheerend. Es wurde deutlich, dass wir nie wirklich ein Teil der taz gewesen waren.

Zwar hatten wir über eineinhalb Jahre hinweg mit Hunderten von Artikeln zu einer tieferen Türkeiberichterstattung der taz beigetragen, doch plötzlich wurde uns klargemacht, dass wir ein Satellitenprojekt waren, das kaum jemanden im Haus so richtig interessiert. Und die Türkei lag jetzt in der Schublade der autokratischen Länder neben Russland und China. Da brauchte es auch keine besondere Aufmerksamkeit oder spezielle Themenschwerpunkte mehr. Unsere Telefone klingelten nicht mehr. Unsere E-Mails blieben unbeantwortet. Wenn wir uns besonders bemühten, einen Artikel in der Printausgabe unterzubringen, dann führte das zu neuen und aufreibenden Konflikten. Jede neue Diskussion machte uns klarer, in welcher Position wir uns befanden: Unser Zeitkonto war aufgebraucht. Wir hatten wie ein Subunternehmer gearbeitet, und jetzt war der Vertrag abgelaufen.

Wie Gespenster liefen wir über die Korridore. Schweigend saßen wir an unseren Arbeitsplätzen und arbeiteten an Themen, die niemand zu sehen bekam. Trotzdem gab es keinen Tag, an dem ich morgens nicht gern zur Arbeit gekommen wäre. Denn unser Daseinsgrund war die Arbeit mit den Journalist*innen in der Türkei, und darauf konzentrierten wir uns.

Natürlich hatten auch wir unseren Teil zu der Entfremdung beigetragen. Die Erkenntnis, dass unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wurde, war ermüdend, und so ganz geht mir der Satz nicht über die Lippen, dass wir immer unser Bestes gegeben haben. Aber wir haben gern miteinander gearbeitet. Und wir waren überzeugt, dass unsere Arbeit wichtig ist. Wir haben mit tollen Menschen zusammengearbeitet. Wir haben einander unterstützt und voneinander gelernt. Deshalb weiß ich jetzt schon, dass ich im Rückblick kaum etwas als Dankbarkeit spüren werde, dass es dieses Projekt gab und dass ich an ihm mitarbeiten durfte.

Ali Çelikkan

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

Berlin statt Toronto

2016 war für mich ein sehr schweres Jahr in Istanbul. Ich hatte kein Geld und keine Arbeit, dafür viel Angst und sorgte mich um meine Sicherheit. Nach dem Putschversuch war das Leben für mich als oppositionelle Journalistin immer schwerer geworden. Also wollte ich Istanbul verlassen und nach Kanada gehen. Eine Kollegin wollte mir helfen, aus dem Land zu kommen. Da schlug die in Deutschland lebende feministische Journalistin Sibel Schick mich für das zweisprachige Medienprojekt taz.gazete vor. Als mich dann die damals federführende feministische Journalistin Fatma Aydemir anrief und fragte: „Willst du für uns arbeiten?“, habe ich, ohne zu zögern, zugesagt. Alles ist Kismet, und so bin ich statt in Toronto in Berlin gelandet.

Ich habe mich für Berlin entschieden, weil ich die Möglichkeit bekommen sollte, an einem großen Medienprojekt mitzuarbeiten. taz.gazete war für mich eine gute Gelegenheit, die deutsche Medienbranche kennenzulernen und meine journalistischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Und ich habe viele bezaubernde Menschen kennengelernt. Drei wunderbare Frauen, mit denen ich bei taz.gazete gearbeitet habe, haben mich persönlich sehr weitergebracht: Fatma, Elisabeth und Ebru. Ihnen verdanke ich unglaublich viel.

Aber es gibt natürlich auch Sachen, die mich geärgert haben. Die anderen Personen, die in der türkischen Redaktion arbeiten, hätten auch mir eine feste Stelle schaffen können. Das hat leider nie geklappt. Immer war ich die, die regelmäßig Artikel von außen geschickt hat. Wenn ich einen Vertrag bekommen hätte, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Vielleicht wäre mir viel Leid erspart geblieben. Aber so wollte es das Schicksal anscheinend. Zuallerletzt will ich noch allen taz.gazete-Leser*innen aus tiefstem Herzen danken. Trotz des bitteren Bei­geschmacks der letzten Seiten von taz.gazete sende ich Ihnen die liebsten Grüße. Leben Sie wohl.

Michelle Demischevich

Übersetzung: Julia Lauenstein

Das verstehen die Deutschen nicht

In der Zeit, in der ich für taz.gazete berichtet habe, bekam ich aus der Redaktion in Berlin einen Satz besonders häufig zu hören: „Das verstehen die Deutschen nicht.“ Das ist regelrecht zum Motto unserer Arbeit geworden. Bei jeder Zeile meiner Texte habe ich mich gefragt: „Ist das wohl auch unverständlich?“ Es war ziemlich nervenraubend, jeden Satz, den ich geschrieben hatte, in einem weiteren Absatz erklären zu müssen. So war es auch nie leicht, zum eigentlichen Punkt zu gelangen und gleichzeitig die vorgegebene Textlänge einzuhalten. Während man in der Türkei einfach „FETÖ-Prozess“ schreiben kann, muss man hier den Zusammenhang mit dem Putschversuch am 15. Juli 2016 und die verschiedenen Bündnisse der AKP der letzten Jahrzehnte erklären. Diese Umständlichkeit, die mich am Anfang so genervt hat, hat mir jedoch geholfen, einen anderen Blickwinkel zu gewinnen. Während es für mich ganz normal erschien, „Istanbul-Konvention“ oder „Paragraf 6284“ zu schreiben, ist mir beim genaueren Erläutern aufgefallen, wie wichtig diese Erklärungen sind, die dafür gedacht waren, dass „die Deutschen es verstehen“.

Wenn ich über gesellschaftliche Traumata wie das der Cumartesi Anneleri (Samstagsmütter) geschrieben habe, habe ich bemerkt, wie dieser Schmerz in der Gewaltspirale zur Normalität wird. Mir ist bewusst geworden, wie leicht wir in einer Gesellschaft, in der jeder Begriff und jede Idee politisch so aufgeladen ist, beim Sprechen und Schreiben viele Sachen hinnehmen, ohne das Gemeinte wirklich zu begreifen.

In dieser Hinsicht war die Arbeit für taz.gazete eine einzigartige Erfahrung. Sie hat uns geholfen von unseren Problemen und Krisen zu berichten, wie es ihnen gebührt. Und weil es noch so viele Geschichten gibt, die erzählt werden wollen, ist der Abschied schwierig. Ich wünsche allen tazler*innen, die Sprachrohr unserer Probleme geworden sind, alles Gute.

Elif Akgül

Übersetzung: Julia Lauenstein

Andere Stimmen aus der Türkei

Durch taz.gazete bin ich Teil einer Reise zwischen Berlin und Istanbul geworden. Die gemeinsamen zwei Monate in Berlin haben mir die Mühe gezeigt, die nötig ist, um Nachrichten aus der Türkei in Deutschland verständlich zu machen. Als ich nach Istanbul zurückgekehrt bin und auch eine „arbeitslose“ Journalistin wurde, konnte ich auf taz.gazete weiterhin meine Artikel veröffentlichen. Das Projekt war wichtig, weil es solidarisch mit Journalist*innen aus der Türkei war und einen Raum schuf, in dem sie sich frei äußern konnten. Außerdem denke ich, dass gazete dazu beigetragen hat, dass in Deutschland andere Stimmen aus der Türkei gehört wurden. In einer Zeit, in der von Pressefreiheit keine Rede sein kann und sich die Arbeitsbedingungen von Journalist*innen weiter verschlechtern, ist dieser Abschied besonders traurig. Denn gerade jetzt sind Plattformen wie taz.gazete unglaublich wichtig. Ich danke dem ganzen taz.gazete-Team für seine Arbeit. Viel Glück euch allen.

Beyza Kural

Übersetzung: Julia Lauenstein

TAZ.GAZETE, 2020-07-31
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