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Nazlı Ergen hat die Coronakrise als einen weiteren Grund gesehen, Kunst auf der Straße zu machen.

Blumen mit leerer Mitte

Die Kunstlehrerin Nazlı Ergen bemalt Hauswände in Diyarbakır mit großflächigen Frauenporträts. Damit will sie Farbe in die zerstörte Altstadt bringen.

FIGEN GÜNEŞ, 2020-06-07

Es gibt noch ein paar enge Gassen in der größtenteils zerstörten Altstadt von Diyarbakır, die 2016 nicht abgerissen wurden. In einer davon ist nach Lockerung der Corona-bedingten Verbote jetzt auch wieder Leben zu spüren. Auf dem Kopfsteinpflaster steht die Kunstlehrerin Nazlı Ergen und zieht die großflächigen Porträts von Frauen nach, die sie vor einer Woche auf die Wände gemalt hat. Gegenüber der Frauen prangt ein großes, altägyptisches Horusauge. Unter dem Falkenblick bringen Frauen ihre Schüsseln zum Community-Steinofen, wo man eigene Brote oder Ofengerichte backen lassen kann. Mit einer ganzen Wanne voller Fladenbrote auf der Schulter macht sich eine Frau auf den Weg nach Hause, während ein Junge auf dem zerschundenen Sattel eines alten Fahrrades wartet, bis der Korb mit Broten gefüllt ist und er sie ausliefern kann. Sein Blick haftet auf den Gesichtern der frisch gemalten Frauen. Dann beobachtet er Ergen, wie sie die Porträts nachbessert. In dieser Nachbarschaft, wo alle Menschen unmittelbare Erfahrungen mit dem Krieg gemacht haben, sei das Malen insbesondere für Kinder „eine Art Freilicht-Therapie“, sagt Ergen.

In Antalya hat Nazlı Ergen Kunst studiert, dann lebte sie in Istanbul als Straßenkünstlerin. Sie selbst fand das, was sie in der Metropole machte, „eher nichtssagend“ und beschloss, in ihre Heimat Diyarbakır zurückzukehren. Sie unterrichtet hier Kunst an einer staatlichen Schule, derzeit noch auf Honorarbasis, und wartet darauf, in den öffentlichen Dienst aufgenommen zu werden. Sie war immer schon der Meinung, dass Kunst raus aus den Ateliers und geschlossenen Galerien und auf die offene Straße gehört. Als 2015 die bewaffneten Auseinandersetzungen in Diyarbakır begannen und die Sicherheitskräfte mitten in Wohnvierteln schwere Artillerie einsetzten, fühlte sie sich in ihren vier Wänden ausgelaugt. „Ich lebe unweit von Sur und konnte die ganze Nacht über die Explosionen und Schüsse hören. Jedesmal zuckte ich zusammen“, sagt Ergen. „Ich konnte vier Monate lang nicht schlafen, weinte jeden Tag, konnte mich nicht mehr konzentrieren. Es tat mir weh, dass so viele junge Menschen erschossen wurden. Da hab ich mir gedacht, ich muss als Künstlerin etwas machen.“

Große Teile von Sur wurden damals dem Erdboden gleichgemacht und mit Planierraupen eingeebnet. Dort, wo noch Häuser standen, wollte Ergen mit ihrer Street Art anfangen, „Wunden zu pflegen“. 2019 machte sie in Bağlar, einem ebenfalls vom Krieg stark betroffenen Viertel, einen Workshop mit Kindern, die unmittelbare Augenzeug*innen der Kampfhandlungen gewesen sind. Sie malten rings um die Einschusslöcher in den Wänden herum Blütenblätter, und es entstanden Blumen mit einer leeren Mitte. Damit wollte die Künstlerin „die Spuren des Krieges bewahren, aber auch die Erinnerungsfähigkeit lebendig halten“. Die Arbeit mit den Kindern prägte sie. „Diese Kinder wachsen in improvisierten Behausungen auf, sie werden vermutlich niemals in einer modernen Mietwohnung leben“, sagt sie. „Wir müssen sie mitnehmen.“

Nazlı Ergen hat die Coronakrise als einen weiteren Grund gesehen, Kunst auf der Straße zu machen. Zuerst wollte sie die Gesichter der Frauen, die im Uniklinikum Dicle während der Pandemie Schwerstarbeit verrichten, auf die Krankenhauswände malen. Doch die benötigte Genehmigung ließ auf sich warten. Also kehrte sie in die verbliebenen historischen Gassen von Sur zurück. Das Zuckerfest Ende Mai mussten aufgrund einer Ausgangssperre alle in ihrer Wohnung verbringen. Ergen konnte sich vom Bezirksamt eine Sondergenehmigung einholen, um in dieser Zeit die Wände zu bemalen. „Es war tatsächlich so ein Gefühl, als malte ich zuhause auf einer Leinwand. Es war so still, dass ich mich komplett versenken konnte“, sagt sie. „Ich finde, während einer Quarantäne sollten überall auf der Welt Künstler*innen die Wände bemalen. Dann haben die Menschen eine freudige Überraschung, wenn sie wieder raus gehen.“

In Sur konzentriert sich Ergen auf Porträts kurdischer Frauen, an die sie erinnern möchte. In der Villa Cemil Paşa ist das Stadtmuseum untergebracht, und man kann dort Werke von Şermin Cemiloğlu sehen. Die 1926 in die kurdische Militäradelsfamilie hineingeborene Malerin hat nicht nur mit ihren Skizzen kurdischer Frauen, sondern auch mit ihrem eigenen Lebensstil einen Eindruck auf Ergen hinterlassen. „Ich möchte, dass etwas von ihrem Leben in den heutigen Straßen der Stadt sichtbar und spürbar wird“, sagt sie. Zuerst malte Ergen also eine Frau mit weißem Tülltuch, deren Blick sie nicht vergessen konnte. Als sie gerade in Schwung war, malte sie gleich die schwarze Eisentür des benachbarten Hauses bunt an. Der Hausbesitzer sah sie, kam herunter und schenkte ihr frische Aprikosen.

Jetzt ist die Ausgangssperre vorbei und der Trubel in die Gassen zurückgekehrt. Manchmal kommen Jugendliche zu ihr und fragen, wann sie mit dem Malen fertig ist. „Sie wollen sich prügeln, aber erst warten sie, bis ich mit meinen Farben aus der Gasse weg bin. Die Spannungen entladen sich hier oft in Prügeleien.“ Vor fünf Jahren stand die Bevölkerung plötzlich zwischen bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitskräften und den ebenfalls bewaffneten Jugendorganisationen der PKK. Hier in Sur gab es viele Jugendliche, entsprechend hoch war die Zahl der Todesopfer. Bei den Überlebenden hinterließ das ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. An dem Gefühl hat sich in den vergangenen fünf Jahren nichts geändert, hinzugekommen ist eine horrende Arbeitslosigkeit und ein grassierendes Drogenproblem.

Foto: Sertaç Kayar

Mit leuchtenden Farben kommt das Viertel zum ersten Mal in Kontakt, und nicht alle nehmen sie positiv auf. Denn die alten, denkmalgeschützten Häuser bestanden aus schwarzem, armenischen Basaltstein, und vor der Zerstörung von Sur hatte sich die Altstadt um eine Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe beworben. „Für die Straßen von Sur sind das natürlich sehr intensive Farben“, sagt Ergen. „Das Meiste hier ist grau und schwarz.“ Entsprechend werden ernsthafte denkmalpflegerische Bedenken laut. Auch beim Wiederaufbau wird, soweit möglich, der schwarze Basaltsein verwendet, und manche Stimmen finden es unpassend, ihn mit Wandfarben zu verdecken.

Aber auch ganz andere Bedenken wurden laut. Ergen passt sich bei der Farbwahl notgedrungen an. Sie retuschiert einen Korb mit Äpfeln in der Hand einer Frau. Der Korb ist gelblich, und darin lagen ursprünglich rote und grüne Äpfel. Die grünen übermalt sie jetzt, da das Zusammenspiel von rot, gelb und grün an die kurdischen Nationalfarben erinnert, die immer wieder behandelt werden, als wären sie schon ein verbotenes Symbol. Die drei Farben in einem Bild könnten „als bedenklich eingestuft“ werden und bei manchen Betrachter*innen „Vorbehalte“ gegen ihre Gemälde erzeugen, sagt Ergen.

Seit 2020 ist Nazlı Ergen Teil des Kollektivs „Sanat Sokakta“ (Kunst auf der Straße). Mittels einer Kampagne in den sozialen Medien will das Kollektiv Unterstützung für Street Art generieren. Einer der ersten Sponsoren ist der in Diyarbakır ansässige Farbhersteller Capua. Er stellt Ergen ihre Farben bereit.

Der Name Capua geht auf die kampanische Stadt zurück, in der in der römischen Antike der Spartakus-Aufstand stattfand. Gründerin Nevin İl will damit weniger an die Niederschlagung des Aufstandes erinnern, als daran, dass der Sklave Spartakus sich in der Arena von Capua behaupten und viele Menschen für den Kampf um ihre Freiheit begeistern konnte. „Alles, was wir tun, braucht eine Geschichte“, sagt Nevin İl. „Insbesondere wir Frauen schreiben unsere eigenen Erfolge dank der Geschichten anderer.“ Sie ist selbst in Sur geboren und aufgewachsen und hat bei der Industrie- und Handelskammer Diyarbakırs einen Frauenrat ins Leben gerufen. Auch in ihrer eigenen Fabrik bestehen rund 60 Prozent der Belegschaft aus Frauen, von den Chemikerinnen bis zu den Gabelstaplerfahrerinnen. Zum 8. März haben jedes Jahr alle frei.

„Wir haben auch einen Raum geschaffen, in dem sich unsere Mitarbeiter*innen über Begriffe und Konzepte austauschen können“, sagt Nevin İl. „Im Produktionsprozess selbst verändert sich die Wahrnehmung von Genderrollen. Wir sind auf einem patriarchal geprägten Sektor tätig, aber das ist ja überall im Leben so.“ Die Region sei besonders patriarchal geprägt und Frauen müssten das Doppelte leisten, um sich in der Arbeitswelt zu behaupten.

Foto: Sertaç Kayar

„Das Fünffache!“, ruft Nurten Muhsinoğlu. Sie hat im letzten Jahr in die Fabrik investiert. Sie lachen einander an. Muhsinoğlu lebt eigentlich in Köln. Sie trägt einen weißen Kittel mit unzähligen Farbflecken. Sie fand Ergens Idee, Porträts von Frauen auf die Wände der Stadt zu malen, inspirierend, und besorgte sich kurzerhand von Chemiker*innen das Know-How, um die für Basalt benötigte Deckkraft der Wandfarben hier in der Fabrik zu erreichen.

Nevin İl findet, Ergen bringe Freude auf die Straße und benutzt das Bild von einem Stein aus Licht, der Hoffnungslosigkeit und Pessimismus zerschmettere. Dabei darf es auch mal ein bisschen hauruck-mäßig zugehen. „Ich habe von Menschen gehört, dass ihre Kinder die Fantasie verloren haben“, sagt sie. „Jetzt können sie mal diese Bilder sehen statt immer nur Finsternis.“

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

FIGEN GÜNEŞ, 2020-06-07
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