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Der Journalist Nedim Türfent ist seit dreieinhalb Jahren inhaftiert

Namenlose Gräber

Nedim Türfent sitzt im osttürkischen Van im Gefängnis. Dort sind zahllose Menschen begraben, die bei ihrer Flucht über die Grenze ums Leben kamen.

NEDIM TÜRFENT, 2020-03-23

1.549, 1.556, 1.627, 1.697 – das sind Zahlen auf den Grabsteinen unbekannter Menschen in der osttürkischen Stadt Van, in der ich im Gefängnis sitze. Diese zahllosen Menschen, die sich mit der Hoffnung auf ein anderes Leben auf den Weg gemacht haben, sind nun nur noch eine Zahl auf einem namenlosen Grabstein.

Sie gelten nicht als Geflüchtete, Asylsuchende oder Migrant*innen, aber sie alle haben eine Geschichte und sie haben auch einen Namen. Krieg, Hunger oder Armut hat sie aus Ländern wie Afghanistan, Pakistan oder Bangladesch zur Flucht gezwungen. Bei dem Versuch, über den Iran in die Türkei zu gelangen, haben sie ihr Leben verloren. Auf dieser langen Reise mit dem Ziel Europa gibt es viele Hindernisse. Hass, Missbrauch, Vergewaltigung, Erpressung, Raub, Misshandlung und den Tod.

Die Nachrichten von Unfällen überfüllter Kleinbusse an der Ostgrenze der Türkei oder von untergegangenen Booten, die es nicht geschafft haben, den Van-See zu überqueren, dringen nicht bis zu uns vor. Und dann gibt es auch noch die, die im Schnee erfrieren, ohne dass es überhaupt jemand bemerkt.

Als im Frühjahr 2019 der Schnee schmolz, wurden in der Ortschaft Başkale 26 und in Çaldıran 15 Leichen gefunden. Und das ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Anfang Januar hat eine Gruppe von 49 Afghanen versucht, über den Iran in die Türkei zu gelangen und wäre dabei beinahe erfroren. Um diesem Schicksal zu entgehen, haben sie sich selbst verraten und die Sicherheitskräfte gerufen. Ärzte waren gezwungen, einigen der geretteten Kindern die Finger zu amputieren, weil sie abgefroren waren.

Von einer anderen Gruppe Geflüchteter, die am 9. Februar im Schnee verschwunden ist, fehlt immer noch jedes Lebenszeichen. Doch unser Gewissen ist ruhig! Wir bemerken es ja nicht einmal! Schließlich gibt es auch kein Foto von all diesen Menschen. Nicht wie von dem kleinen leblosen Körper von Aylan Kurdi, der an den Strand gespült wurde. Aber es ändert nichts an ihrer Existenz, dass wir sie nicht sehen können. Und vielleicht bringt dieser Frühling noch viel mehr Leichen an die Oberfläche. Nach einem harten Winter und den zunehmenden ireegulären Grenzüberquerungen ist ein noch viel schlimmeres Bild sehr wahrscheinlich.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Mezopotamya sagte die Koordinatorin des Mültecilerle Dayanışma Derneği (Verein der Solidarität mit Geflüchteten), Işıl Erdoğan, dass es in der Türkei hunderte dieser namenlosen Gräber gebe: „Die Zahlen nehmen immer weiter zu. Die Familien wollen, dass ihre Angehörigen, die sie verloren haben, zumindest begraben werden. So wissen sie wenigstens, dass ihre Kinder nicht zum Fraß wilder Tiere wurden, oder irgendwo vergessen vor sich hin verwesen.“

Was man nun auch immer darüber denkt; diese Menschen haben sich nicht auf den Weg gemacht um das Abenteuer zu suchen. Sie werden in den Ländern, die sie mit Mühe und Not erreichen, als illegal erklärt und sind Hass, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus ausgesetzt, die in einer nationalistischen Kakofonie ertönen. Die Öffnung der europäischen Grenze, die die EU erpressen soll, hat auch zum einem Anstieg der Zahl der aus dem Osten kommenden Menschen geführt. Darum ist es so wichtig, nicht nur die Menschen zu sehen, die vor den Kameras versuchen, die EU-Grenze zu überwinden, sondern auch die an den Grenzen im Osten.

Nedim Türfent hat diesen Brief am 2. März geschrieben. Er hat taz.gazete am 5. März erreicht.

Aus dem Türkischen von Julia Lauenstein

NEDIM TÜRFENT, 2020-03-23
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