„Wir wollen nicht mehr, dass die Panzer wiederkommen.“

„Ich baue euch einen Park“

Leyla Imret war Bürgermeisterin von Cizre, eine der jüngsten der Türkei. Dort herrscht seit 2015 der Ausnahmezustand. „Dil Leyla“ erzählt ihre Geschichte.

ARIANA DONGUS, 2017-04-20

Menschen stehen auf der Straße, vor ihren Häusern. Sie singen und tanzen. Es ist ‚Newroz‘, das kurdische Neujahrsfest. Plötzlich wird die Menge von Polizeipanzern auseinander getrieben. Uniformierte laufen ins Bild, machen Jagd auf Kinder und Erwachsene. Manche werden geschlagen, andere eingefangen und wie Vieh von den Polizisten in die Panzer gezerrt und abtransportiert. Das Bild verwackelt und reißt schließlich ab.

Die Videoaufnahme stammt aus dem Jahr 1993 in Cizre, einer Provinz im Südosten der Türkei und wird von einer ruhigen Frauenstimme kommentiert. „Kinder vergessen solche Erlebnisse nicht. Ein Panzer kam auf mich zu, ich bin schnell in eine Haustür gelaufen. Es gab so viele tote Menschen, die auf der Erde lagen. Überall roch es nach Blut“. Die Stimme gehört der HDP-Abgeordneten Leyla Imret.

Um sie geht es in „Dil Leyla“, einem Dokumentarfilm von Aslı Özarslan, gedreht vom Frühjahr bis Winter 2015 in Cizre, wo Imret Bürgermeisterin ist. Die folgenden Szenen entstanden mehr als zwanzig Jahre nach den schrecklichen Ereignissen, an die sich Imret eingangs erinnert. Sie wünscht den Stadtbewohner*innen zum kurdischen Neujahrsfest Alles Gute, „Newroz Piros be!“ und „Auf dass Newroz allen Kurd*innen Demokratie und Frieden bringe“. Die Stimmung ist ausgelassen. Imret ist beliebt. Die Kurd*innen lassen sich gerne mit ihr ablichten.

Jüngste Bürgermeisterin der Türkei

2014 wurde Imret bei den türkischen Kommunalwahlen mit 83 Prozent der Stimmen zur jüngsten Bürgermeisterin in der Türkei gewählt. Dabei lebte sie bis zu ihrem 25. Lebensjahr bei einer Tante in der Nähe von Bremen. Eines Tages wollte sie mehr über ihre Familiengeschichte erfahren und fand heraus, dass ihr Vater ein weit über Cizre hinaus bekannter, hochrangiger Mann in den Reihen der PKK war. Als der Konflikt in den 90er-Jahren eskalierte, wurde er im Kampf getötet, ihre Mutter verschleppt und gefoltert. Leyla Imret wurde nach Deutschland gebracht, sie war erst vier Jahre alt.

21 Jahre später trifft sie ihre Mutter in Cizre wieder, gemeinsam besuchen sie das Grab ihres Vaters. „Auf einmal war ich ihm wieder ganz nah. Ich wusste, ich bin in meiner Heimat. Dann wollte ich hier einfach nicht mehr weg“, hört man Imrets Stimme. Die Kamera schwenkt auf einige Wolkenbänke, die fast unbeweglich über die kurdischen Berge hinwegziehen.

Leyla die Ruhige, Leyla die Mutige. Sie will ihrem Volk zu Demokratie und Freiheit verhelfen. Nicht wie ihr Vater mit den Mitteln des Kampfes, sondern auf legalem, demokratischem Wege. Und sie will Spielplätze bauen und neue Bäume pflanzen. Die Kamera folgt ihr durch die Straßen am Stadtrand, begleitet von Kindern, die goldene Sonne neigt sich gerade dem Horizont zu.

Spielplätze bauen, statt Mittel des Kampfes

„Ich baue euch einen Park“, verspricht sie den Kindern. Ein Kind antwortet: „Frau Bürgermeisterin, wir wollen nicht mehr, dass die Panzer wiederkommen. „Nein“, erwidert Imret, „die Panzer werden euch nicht mehr angreifen!“ Es ist eine alltägliche Szene. Spielende Kinder am Stadtrand, Staubwolken wirbeln auf während sie den Fußball zwischen ihren Füßen nach vorne preschen.

Der Wunsch des kleinen Jungen bleibt unerfüllt. Im März 2015 wird der Waffenstillstand zwischen der PKK und dem türkischen Militär offiziell als beendet erklärt. Der Südosten wird immer unruhiger. Wenige Tage vor den Parlamentswahlen explodieren Bomben bei zwei HDP-Versammlungen in Diyarbakir, nordöstlich von Cizre. Dennoch sind viele zur Wahl erschienen, um für die HDP zu stimmen, selbst die, die bei der Bombenattacke verletzt wurden.

Am Wahltag des 7. Juni 2015 sitzt Imret mit ihren HDP-Parteikolleg*innen am Tisch, sie diskutieren mögliche Szenarien von Wahlbetrug. „Es gibt nicht genügend Wahlbeobachter. In diesem Land gibt es keine fairen demokratischen Wahlen, sonst hätten wir nicht diese Attacken auf unsere Büros“, lässt einer lakonisch in der Runde verlauten.

Keine klassische Heroisierung

Die Situation ist eindeutig. Die kurdische Bevölkerung wird strukturell unterdrückt. Doch die Regisseurin Özarslan vermeidet es, Imret zu heroisieren, sie als Heldin der kurdischen Freiheitsbewegung darzustellen. Eine starke Hoffnungsträgerin in der Öffentlichkeit, offenbart sich in privaten Momenten Imret’s verletzliche Seite. So wollte ihre Mutter nicht, dass sie sich als Bürgermeistern aufstellen ließ.

Zu gefährlich sei es, zu viel Druck. „Früher sind Leute nicht nur getötet worden, sondern sind verschwunden, wurden verschleppt und gefoltert“, sagt sie während sie auf dem Wohnzimmerboden sitzt und Granatapfelkerne aus ihrer roten Schale befreit. Intime Momente werden bei Özarslan ruhevoll, in stiller Anteilnahme erzählt. Das gibt Raum, eigene Emotionen zu verorten.

„Kurdische Politik in der Türkei ist schwer“, sagt Imret. „Man kann erschossen werden als Politikerin. Aber ich würde niemals aufgeben. Ich habe die Chance, etwas für mein Volk zu tun.“ Die Kamera fängt wieder Bilder von Cizre ein. Zerbombte Häuser, klagende Mütter. Überall Schutt und Asche. Die Bilder gleichen im Ausmaß der Zerstörung den Bildern aus Aleppo. Die Arbeits, – und Lebensgrundlage ist zerstört.

Cizre im Ausnahmezustand

Beim Wiederaufbau rührt der türkische Staat keinen Finger, Hilfe kommt allein von nicht-staatlichen Organisationen.„Ich bin wütend innerlich. Ich fühle mich verantwortlich für mein Volk, für Cizre, bin aber machtlos,“, hört man Imrets Stimme aus dem Off. Im Dezember 2015 wird ein weiteres Mal eine Ausgangssperre über die Stadt verhängt, Cizre wird noch heftiger beschossen. Der Kontakt mit der Außenwelt bricht komplett ab. Das Filmbild ist schwarz.

Es ist lebensgefährlich, die Wohnung zu verlassen. Kein Strom, kein fließend Wasser, kein Internet. Menschen, jung und alt werden auf der Straße erschossen, weil sie ihre Wohnungen verlassen haben, um Wasser und Brot für ihre Familien zu besorgen. Die Welt sieht weg, niemand hilft den eingeschlossenen Menschen. Eine Gruppe von Menschen hat sich im Keller eines Hauses in Sicherheit gebracht. Verzweifelt versuchen sie, mit den verbleibenden Akkus ihrer Handys Hilfe zu holen. Diese Anrufe wurden aufgenommen und von der HDP-Partei in einem Video veröffentlicht.

Verbrechen gegen die Menschheit

Die Hilfe bleibt unerhört, denn niemand darf in die abgeriegelte Stadt. Menschen verbrennen bei lebendigen Leibe in dem Keller. Erst nach 85 Tagen meldet sich Imret bei der Regisseurin Özarslan. Nüchtern beschreibt sie die völlige Zerstörung. Später wird sie vor dem Türkischen Parlament über die Gräueltaten sprechen, die während der 85 Tage in Cizre geschahen: „300 Menschen starben. Es war ein Massaker,“ wird sie anklagen.

Film, – und Fotoaufnahmen aus dieser Zeit existieren. Sie kommen von der Bevölkerung, von Journalist*innen und Menschenrechtsorganisationen. Diese Aufnahmen sind enorm wichtig. Nicht nur, um über Medien auf die Situation aufmerksam zu machen, sondern sie dienen auch den Menschenrechtsanwälten als Beweismaterial, die im Juni 2016 Klage gegen die Erdoğan -Regierung einreichten. Wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit.

Unabhängig journalistisch zu arbeiten, ist in der Türkei kaum noch möglich, noch weniger, sich mit einer Kamera im öffentlichen Raum aufzuhalten. Imret ist mittlerweile aus der Untersuchungshaft entlassen, darf die Türkei jedoch nicht verlassen, bis ihr Urteil aussteht. Sollte sie schuldig gesprochen werden, drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft. Das ist das Leben als kurdische Politikerin in der Türkei.

„Dil Leyla“ feiert am 20. April 2017 seine Berlin-Premiere. Zu sehen im Rahmen des Festivals Achtung Berlin ab 19:15 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain. Weitere Termin am 21. April 2017 um 20.15 Uhr im Babylon (Mitte) und am 22. April 2017 um 17:45 Uhr im Kino Tilsiter-Lichtspiele.

ARIANA DONGUS, 2017-04-20
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